Mein Garten

Tipps für die Gestaltung eines lebendigen Lebensraums
Liebe Grundstückseigentümer*innen,
Sie haben ein Grundstück im Bereich des Fleckens Salzhemmendorf erworben und sind als Neubürger*innen herzlich willkommen! Vielleicht wohnen Sie aber auch schon länger hier und haben sich entschlossen, ein Familiengrundstück zu übernehmen oder neu zu bebauen. Bei Ihrer Entscheidung, sich hier anzusiedeln, haben neben vielen anderen Aspekten sicher auch die Nähe zur Natur und der Erholungswert, den unsere noch in vielen Bereichen intakte Berglandschaft und das Saaletal bieten, eine Rolle gespielt. Wir möchten Sie und Ihre Familie deshalb dazu einladen, sich als wichtige Mitgestalter für den Erhalt unserer liebenswerten Landschaft zu verstehen. Doch welche Rolle kann Ihr eigener Garten dabei spielen? Dazu möchten wir einige Fragen beantworten und Tipps geben.
Würden Sie gern naturnah gärtnern, wissen aber nicht so recht wie? Haben Sie die folgenden Aussagen auch schon gehört, sind aber nicht sicher, ob sie stimmen? Ein paar Fragen und oft gehörte Meinungen möchten wir mit Ihnen genauer betrachten:
1. Es macht keinen Unterschied, wenn mein Garten nicht den Wünschen der Naturschützer entspricht. Wir leben auf dem Land und da gibt’s doch genug Platz für Wildtiere.
Es klingt paradox, aber tatsächlich finden viele Tierarten inzwischen in Städten oft bessere Lebensbedingungen als in aufgeräumten Agrarlandschaften. Vor allem Insekten und Vögeln fehlt es an Nistplätzen, Rückzugsmöglichkeiten und Nahrung. In Ihrem Garten haben Sie die Möglichkeit, durch heimische Pflanzen ein Angebot für die Artenvielfalt zu machen. Wussten Sie schon, dass es in Deutschland 17 Millionen Hausgärten gibt? Wenn jeder Garten in etwa 200qm groß ist, dann ergibt das eine Fläche, die größer ist als die Gesamtfläche aller Nationalparke in Deutschland! Darin liegt doch eine große Chance für uns, finden Sie nicht?
2. Meine Familie plant, einen Schottergarten anzulegen, weil er pflegeleicht ist und gut aussieht. Wo ist das Problem?
Ob Schottergärten schön sind, ist Geschmackssache. Lebensfeindlich sind sie aber auf jeden Fall und tatsächlich auch nicht pflegeleicht, denn schon bald werden Pflanzen und Laub, Moos und Flechten die zuerst schön sauberen Steine beeinträchtigen. Und nun? Laubsauger oder Unkrautvernichtungsmittel sind keine Lösung und im Schottergarten sowieso verboten. Mit der Pflegeleichtigkeit ist es schnell vorbei. Außerdem sieht so ein Schottergarten immer gleich aus, zu jeder Jahreszeit, das ist doch langweilig, oder - ganz abgesehen davon, dass sie auch gar nicht erlaubt sind.

3. Auf meinem privaten Grundstück gibt es keine Gestaltungsvorgaben, denn es gehört ja mir, oder?
So ganz stimmt das nicht. Die Landesbauordnung schreibt klar vor, dass die nicht überbauten Teile eines Grundstücks als Grünflächen gestaltet werden müssen. Schottergärten sind nicht erlaubt, da sie u.a. zur Bodenverdichtung beitragen, der Boden kein Wasser mehr speichern kann und die Bodenfunktion verloren geht. Wird die Verordnung z.B. durch die Anlage eines Schottergartens nicht eingehalten, muss ein Rückbau erfolgen. Lassen Sie es also bitte gar nicht erst so weit kommen. Eigentum verpflichtet – das gilt auch im Garten.
4. Mein Haus wird nach modernen Standards gebaut oder neu verkleidet. Wie kann ich trotzdem etwas für die Artenvielfalt tun?
Auch an modernen Fassaden machen sich Nisthilfen gut, seien es nun Nistkästen für Meisen oder Stare, Halbhöhlen für Rotkehlchen oder Rotschwänzchen. Und wenn sich Schwalben für einen Nistplatz an Ihrem Haus interessieren, dann ist das ein Glücksfall! Für Spatzen, die zwar als Allerweltsvögel gelten, aber bald schon zu den gefährdeten Vogelarten gehören könnten, weil sie zu wenig Nistmöglichkeiten finden, kann man ebenfalls etwas tun. Sie brüten gern an Gebäuden. Wenn es keine Nischen gibt, kann man spezielle Niststeine einbauen. Sind die Spatzen erstmal neugierig geworden und nehmen den Nistplatz an, kommen sie bestimmt wieder, denn sie sind sehr standorttreu.
5. Bienen gibt es doch genug, hier wird doch überall Honig verkauft.
Honigbienen mag bestimmt jeder von uns, sie gehören zu den Sympathieträgern in der Insektenwelt. Doch die Bestäubungsleistung, die wir dringend brauchen, wird vor allem von den Wildbienen und anderen Insekten erbracht. Sie haben kaum eine Lobby, deshalb werden Sie selbst doch zum Insektenfan und bieten Sie eine Oase mit Nisthilfen und Futterpflanzen an! Im Gegensatz zu den Honigbienen, die einige Kilometer fliegen können, bewegen sich die meisten anderen Insekten nur in einem Umkreis von 150 bis 300 Metern. In diesem Gebiet müssen sie Nahrung, Verstecke und Nistmöglichkeiten finden, sonst verlieren wir sie. Wir brauchen Ihre Mithilfe, um den Insektenschwund aufzuhalten!
6. Im Herbst möchte ich meinen Garten gern aufräumen, damit im Frühjahr alles schön ist.
Die Natur liebt es unordentlich! Nur so können Insekten und kleine Tiere wie Amphibien oder Igel einen sicheren Platz für den Winter finden. Viele Insekten überwintern in Pflanzenstängeln, Igel brauchen Laubhaufen und Vögel finden noch lange Samen, wenn schon längst alle Blüten und Blätter abgefallen sind. Und wenn erst Raureif auf den Pflanzen liegt, gibt es kostenlose Fotomotive obendrein!

7. Kirschlorbeer und Forsythie wachsen schnell und sehen gut aus.
Der beliebte Kirschlorbeer ist eine invasive, d.h. sich schnell ausbreitende Pflanze, die weder Vögeln noch Insekten Nahrung oder Brutmöglichkeiten bietet. Genauso ist es mit beliebten Pflanzen wie Thuja, Zierkirsche, Magnolie oder Bambus. Sie sind sog. Neophyten, d.h. eingebürgerte Pflanzen. Neophyten sind in den meisten Fällen für einheimische Tierarten nutzlos. Und die beliebten Forsythien sind oft steril und können nur noch über Stecklinge vermehrt werden – als Nahrungsquelle taugen sie nicht mehr. Entscheiden Sie sich daher lieber für einheimische Pflanzen und freuen Sie sich an den Blüten oder Beeren und an Insekten und Vögeln, die hier Lebensraum und Nahrungsquellen finden können.
8. Gefüllte Blüten sind hübsch und locken viele Insekten an.
Es stimmt, gefüllte Blüten sehen hübsch aus. Leider liegen Nektar und Pollen aber versteckt unter Blütenblättern und sind für die meisten Insekten nicht zu erreichen. Außerdem sind gefüllte Blüten das Ergebnis von Mutationen, es kann daher sein, dass die Organe in der Blüte zurückgebildet sind. Achten Sie deshalb bitte auf Pflanzen mit einfachen Blüten, dann bekommen Sie als zusätzlichen Schmuck Schmetterlinge und Wildbienen dazu.
9. Rasenroboter sind wirklich praktisch und viel leiser als Rasenmäher.
Ja, Rasenroboter sind etwas leiser, dafür laufen sie aber auch in manchen Gärten ununterbrochen herum. Da hat niemand eine Chance, weder Kröten noch Igel. Vor allem, wenn die Roboter auch nachts fahren, sind junge Igel in großer Gefahr. Sie sind noch so winzig, dass sie von den Robotern erfasst werden können. Bitte verzichten Sie daher auf einen englischen Rasen zugunsten der Artenvielfalt!
10. Auf gut gedüngtem Boden wachsen Wiesen, die vielen Tieren eine Heimat bieten.
Auch wenn es seltsam klingt, aber das Gegenteil ist der Fall. Je magerer eine Wiese ist, desto mehr Wildblumen finden einen Lebensraum und umso mehr Insekten werden angelockt. Kaum zu glauben, aber auf einem Quadratmeter Blumenwiese können bis zu 3.000 Einzelpflanzen und bis zu 60 Pflanzenarten stehen. Die wiederum geben bis zu 1.500 Insekten und Spinnen ein Zuhause. Auf einem gut gedüngten und regelmäßig gemähten Rasen dagegen ist nicht viel los. Sie haben Kinder und möchten ein Fußballfeld im Garten haben? Es muss ja nicht gleich der ganze Rasen zur Wiese werden, eine hübsche Ecke wäre ja schon mal ein Anfang, oder?

Okay, ich bin überzeugt. Aber wie soll ich meinen Garten denn nun gestalten?
Legen Sie Ihren Garten möglichst so an, dass zu jeder Jahreszeit etwas blüht. Pflanzen Sie einheimische Sträucher wie Hartriegel, eingriffeligen Weißdorn, Kornelkirsche, Zaubernuss, Schneeball oder Besenginster. Als Kletterpflanzen eignen sich z.B. Waldrebe, Geißblatt oder Efeu (ja, tatsächlich, er ist eine tolle Nahrungsquelle!). Niedrige Pflanzen (für ehemalige Schottergärtenfans gern mit Steinen kombiniert) sind z.B. Polsterthymian, Wilder Majoran, Mauerpfeffer, Heide, Cotoneaster, Schlüsselblumen oder Lungenkraut. Als Stauden oder höher wachsende Blütenpflanzen eignen sich Fette Henne, Glockenblume, Astern, Dost, Lavendel, Storchenschnabel, Margeriten, Lichtnelken, Wilde Möhre oder Wiesenflockenblumen. Die stolzen Königskerzen sind ein besonderer Hingucker. All diese Pflanzen brauchen wenig Pflege und für sie muss auch kein Torf abgebaut werden. Weitere Tipps finden Sie im Internet z.B. auf den Seiten des NABU und anderen Umweltorganisationen. Und denken Sie bitte an eine Wasserstelle für Vögel und Insekten!
Von Ellen Visbeck, Osterwald
Fotos von Werner Anders, Lauenstein
Nähere Informationen finden Sie hier
Ansprechpartner vor Ort
Günter Blötz, Coppenbrügge, 1. Vorsitzender NABU Kreisverband Hameln-Pyrmont, Kontakt: . Thomas Maschke, Osterwald, Verein Biotop-Management-Initiative BIOTOP e.V, Kontakt: .
Informationsbroschüren
Elke Steinhoff und Dr. Olav von Drachenfels: Naturnahe Gärten im Weserbergland – lebendig, farbenfroh und pflegeleicht. Tipps und Informationen zur Anlage artenreicher Vorgärten, die viel Freude und wenig Arbeit machen, hrsg. vom NABU Barsinghausen.
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hrsg.: Wildbienen und ihre Lebensräume in Niedersachen. Kennenlernen – schützen – fördern.
Internetlinks